[ein Mensch von schöpferischer Begabung, der im Unterschied zum Talent nicht nur im Rahmen des Überkommenen
Vollendetes leistet, sondern neue Bereiche des Schaffens erschließt, auf denen er nicht nur als Vorläufer und
Bahnbrecher wirkt, sondern gültige Hochleistungen vollbringt; das Zusammentreffen von Originalität und
Endgültigkeit macht also Wesen und Geheimnis des Genies aus. Hieraus erklärt sich, daß die Werke des
Talents diejenigen des Genies oft an formaler Vollendung übertreffen; ferner, daß das Genie von seinen
Zeitgenossen oft nicht verstanden wird; endlich, daß das Genie starke geschichtliche Wirkungen auslöst und als
die höchste Steigerung des Schöpferischen erscheint. Nicht nur im musischen und denkerischen Schaffen, sondern
auch auf vielen Gebieten der praktischen Wirksamkeit (Technik, Organisation, staatsmänn. Handeln, Kriegführung)
gibt es Genies, ebenso im religiösen Erleben. Die Steigerung seiner schöpferischen Kräfte und ihre
Konzentration auf einen bestimmten Schaffensbereich bezahlt das Genie zuweilen mit Ausfällen in anderen Bereichen des
persönl. Lebens, oft mit erhöter Leidensfähigkeit, bis zu psychopathischen Zügen (Untersuchungen von
LOMBROSO, KRETSCHMER, LANGE-EICHBAUM u.a.). Ein allseitig entwickeltes Genie ist ebenso selten wie ein im üblichen
Sinne glückliches.
Bei Platon schaffen Dichter und Musiker durch „göttlich Kraft", der Dichter ist ein „heiliges Ding, das des Gottes
voll und von Sinnen geworden ist". Diese Anklänge an ein ursprünglich religiöses Charisma der Rede,
Dichtung und Musik lassen sich von HOMER bis an die Schwelle der Neuzeit verfolgen.
Die moderne Ausprägung des Geniebegriffs ist ein Werk der Aufklärung und der Romantik. Bei SHAFTESBURY hat das
Genie eine kosmische Bedeutung, es schafft aus Enthusiasmus und originell, es ist vom nachahmenden Künstler zu
unterscheiden und wirkt als eine Naturkraft. Auch A. BAUMGARTEN fordert vor allem Originalität, er kennt
„göttliche Köpfe", die aller Regeln entbehren können. In dieser Forderung polemisierte die Zeit gegen die
Höfisch stilisierte Kunst; die Wiederentdeckung Shakespeares hängt damit zusammen. J.G.SULZER schrieb 1757 eine
Entwicklung des Begriffes vom Genie mit ähnlichen Grundsätzen und einem bereits formalen Genie-Begriff der
„Führer der Menschheit".
Zu einem eigentlichen Genie-Kult mit Zügen einer Ersatzreligion kam es erst seit der Sturm- und Drangzeit
(Geniezeit): Die literarisch-bürgerlichen Schichten sahen im Genie den vollkommenen Menschentyp. Auch erfolgt jetzt
die Ausweitung des Begriffs ins Militärisch-Politische (FRIEDRICH D: GR:; NAPOLEON). Weiter wird das Genie mit
„Hofhaltung" möglich: GOETHE, R. WAGNER, STEFAN GEORGE, noch G. HAUPTMANN. Bei NIETZSCHE wird der Geniekult bis zur
Forderung der G.-Züchtung und bis zur Verachtung der Masse getrieben. In der Folgezeit tritt der Begriff Genie bald
hinter anderern Wertungen zurück, die den Akzent auf das gesellschaftl. Ansehen („Prominenz") und den wirtschaftl.
Erfolg („Bestseller") legen.
Das „Verkennungsdogma", d.h. die heute populäre Vorstellung, das Genie müsse von den Zeitgenossen unerkannt sein,
ist der Antike und Renaissance fremd. Es entsteht im 19. Jahrh. An Hand von Wiederentdeckung (REMBRANDT) oder als
geltungsanspruch lange erfolgloser Autorten (SCHOPENHAUER).